Hansestadt Gardelegen

150 Jahre Otto Reutter


Otto Reutter

Otto Reutter – der berühmteste Gardelegener wird 150

Von Rupert Kaiser

Es ist immer ein zweischneidiges Schwert, wenn eine Stadt von ihren berühmten Söhnen und Töchtern spricht. Denn was sie geleistet haben an Großem, wird oft höchst unterschiedlich betrachtet. Die Geschmäcker sind eben verschieden. Aber wenn sich einer bemüht, die Menschen zum Lachen zu bringen und das noch auf intelligente Art und Weise, dann dürften doch alle einer Meinung sein: Wer das kann, ist ein ganz Großer.

So einer war Otto Reutter. Sohn des Hausierers und abgedienten Ulanen Andreas Pfützenreuter und der Gastwirtstochter Emilie Pfützenreuter geborene Fischer. Zur Welt gekommen am 24. April 1870 in der Sandstraße. In einer der vielen dort angesiedelten Kneipen, wohl keiner von den besten. Das Haus steht längst nicht mehr. Und die Tafel, die an seinen Standort erinnert, hängt an der falschen Stelle … Aber irgendwie passt auch das zu einem Komödianten.

Denn nichts anderes wollte der kleine Otto werden. Schon als Kind spielte er auf dem Hof mit „ausgeliehenen“ Kleidern und Gerätschaften sogenannte Szenen aus dem Eheleben. Und später durfte er „mitmimen“, wenn im Winter Rudolf Kneisels fahrende Theatertruppe im Schützenhaus gastierte.

Aus der Kaufmannslehre flüchtete der Neunzehnjährige. Nach Berlin, damals schon das Mekka des Kabaretts und des Varieté. Anfang als Bühnenarbeiter und Kulissenschieber. Er änderte seinen Namen – erst in Reuter mit einem, schließlich in Reutter mit zwei t. Endlich die ersten Couplets. Die Erfolge im kleinen Kreis machten Mut. Und das Glück kam hinzu: Unter seinen Zuhörern saßen die richtigen Leute …

1895 feierte Otto Reutter sein erstes Varieté-Engagement in Bern. Und dann ging alles Schlag auf Schlag. Dresden – Köln – Düsseldorf – Hamburg. Und endlich: Berlin! Apollo-Theater. Friedrichstraße. Mitten im Zentrum der Weltstadt des Varietés. Direktor Jacques Glück - ein Mann mit dem Gespür für das Besondere – engagierte Reutter gleich auf mehrere Jahre.

Was er morgens in der Zeitung las, brachte er abends auf die Bühne. Gereimt. Mit einer Melodie, die jedermann nachsingen und nachpfeifen konnte. Und mit einem Refrain, der eingängig war und oft zum Sprichwort wurde. „In 50 Jahren ist alles vorbei“, „Ick wundere mir über jarnischt mehr“, „Alles weg’n de Leut‘“ – das sind Zeilen, die in den Volksmund eingingen und selbst heute, in diesen verrückten Zeiten, noch oft verwendet werden.

Das war ein nur ein Teil des Geheimnisses von Reutters Erfolg. Den anderen schilderte kein Geringerer als Kurt Tucholsky in der legendären „Weltbühne“. Im ersten Heft des Jahrgangs 1926 ist zu lesen:
„Ein schlecht rasierter Mann mit Stielaugen, der aussieht wie ein Droschkenkutscher, betritt in einem unmöglichen Frack und ausgelatschten Stiefeln das Podium. Er guckt dämlich ins Publikum und hebt ganz leise, so für sich hin, zu singen an. […] Die Pointen fallen ganz leise, wie Schnee bei Windstille an einem stillen Winterabend. […]  Alles geht aus dem leichtesten Handgelenk, er schwitzt nicht, er brüllt nicht, er haucht seine Pointen in die Luft, und alles liegt auf dem Bauch. …“

Fortan rissen sich die Varietés und Kleinkunstbühnen im gesamten deutschsprachigen Raum um Otto Reutter. Schließlich die Krönung:

Auftritt im Silvesterprogramm 1899 des Berliner „Wintergarten“. Bis 1931 war er jedes Jahr für ein bis zwei Monate im berühmtesten Varieté der Welt engagiert. Die Direktion gab für ihn Sonderprogramme. Das war 1929 und 1930 – zum 30. Wintergarten-Engagement und zu seinem 60. Geburtstag. Man widmete ihm sogar eine eigene Illustrierte. Das „passierte“ keinem anderen Künstler.

Otto Reutter sorgte für volle Kassen. Seine Texte und Noten erschienen in Buchform und gingen weg wie die sprichwörtlichen „warmen Semmeln“. Seine Schallplatten wurden zu Bestsellern. Als der Rundfunk kam und später der Tonfilm, war er mit dabei.

Otto Reutter wurde ein reicher Mann. Manche hielten seine Sparsamkeit für Geiz. Denn er hatte ja nie seine Wurzeln vergessen. Nie vergessen, dass er aus kleinsten Verhältnissen stammte. Aus Gardelegen in der Altmark.

Hierhin wollte Otto Reutter zurückkehren. Irgendwann, wenn er genug haben würde vom Glamour der Bühne. Eines Tages kaufte er das Jagdhaus Waldschnibbe. Hier lebten er und seine Frau Evi Bendrin – sie verhungerte später im Zuchthaus Hoheneck – einige Jahre. Otto Reutter war unter seinen Gardelegenern, denen er mal mehr, mal weniger, aber immer irgendwie verbunden war …

Doch wer einmal Bühnenluft geschnuppert hat, den zieht es immer wieder „zum Bau“, wie die Artisten sagen. Und so stürzte sich Otto Reutter wieder in den Trubel. Ohne Rücksicht auf seine Gesundheit. Sein letzter Vorhang fiel am 3. März 1931 in Düsseldorf.

Otto Reutter ist nach Gardelegen zurückgekehrt. So, wie er es immer wollte. Am 7. März 1931 wurde er auf dem Städtischen Friedhof beigesetzt.

Er hat die Menschen Lachen gemacht. Wer das kann, ist ein ganz Großer. Heute wäre der berühmteste Sohn unserer Stadt 150 Jahre alt geworden.

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Otto Reutter

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