Salzwedeler Tor
Salzwedeler Torstraße 34
39638 Gardelegen
Kleine Schriftenreihe des Vereins für Kultur- und Denkmalpflege Gardelegen und Umgebung Nr. 1/1993
Das Salzwedeler Tor zu Gardelegen von Wally Schulz
Das Salzwedeler Tor ist der bedeutendste Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung, deren Bau in der Mitte des 16. Jahrhunderts im wesentlichen abgeschlossen war (Schlussstein an der Stadtseite des Tores mit Wappen und Jahreszahl 1553).
Die mittelalterlichen Stadttore wurden meist nach den Orten benannt, zu denen sie führten. In einer Urkunde von 1354 wird das Salzwedeler Tor als „Groperdorfer Thor“ bezeichnet nach dem Dorf „Gropendorf“, das später wüst geworden ist und das auch Chr. Schultze als vor dem Tor gelegen mit dem Namen Grepeldorff nannte. Später setzte sich der Name „Soltsches Tor“, also Salzwedeler Tor, durch.
Der gesamte Verkehr nach Norden und Westen musste an dieser Stelle das Tor passieren. Die bedeutenden Handelswege von Süden und Osten schnitten sich in Gardelegen und führten weiter zu den Städten der Hanse, u.a. nach Braunschweig, Lüneburg, Salzwedel und zur Nord- und Ostsee.
Die Stadt und ihre Bürger hatten an diesem Durchgangsverkehr und den damit verbundenen Einnahmen an Stapelgeldern, für Beherbergung und Ausspann sicher einen nicht geringen Gewinn.
Feste Tore und Mauern, Wälle und Gräben als Zeichen der politischen und wirtschaftlichen Macht der Städte. Neben den waffenfähigen Bürgern warben sie bei kriegsgefahr zusätzlich Söldner an, wie es Chr. Schultze auch für Gardelegen schildert.
Der imposante Anblick der mächtigen Batterietürme von der Feldseite aus, gibt Ihnen Einblicke auf die damalige Blütezeit Gardelegens im 16. Und 17. Jahrhundert.
Bis in unsere Zeit erhalten sind die beiden mächtigen Batterietürme des Vortores mit 9 und 18m im Durchmesser, zwischen denen die Tordurchfahrt mit zwei Sterngewölben hindurchführt.
Auf der Feldseite erhebt sich über dem Bogen der Durchfahrt ein Staffelgiebel aus Ziegeln, der bei der Erneuerung des Tores im Jahr 1907 nach altem Vorbild wieder aufgebaut wurde.
Der alte Giebel wird bereits in der Chronik von Chr. Schultze 1668 erwähnt. Dort heißt es:
„Anno 1659. D. 1. Junii ward der thurm über dem Saltzwedelschen Thore, das er nicht herunterfallen und Schaden thun möchte, weil er gefehrlich stand, abgeborchen, es kam aber ein Arbeiter dabey zu falle, der herunter schlug und starb.“
Deshalb zeigen die Abbildung der Folgezeit auch ein Walmdach über der Tordurchfahrt.
Die Tore, wie die Befestigungsanlagen überhaupt, hatten während des Dreißigjährigen Krieges gelitten. Belagerungen, Besatzungen, Plünderungen und Zerstörungen und die Pestjahre 1626 und 1636 bewirkten den Rückgang der Stadtbevölkerung von etwa 9000 Einwohner vor 1618 auf knapp 3000 am Ende des Krieges 1648. Außerdem wurde das Umland der Stadt im Kriege zerstört und entvölkert. Damit war die wirtschaftliche Kraft der Stadt – ein wichtiger Faktor bei der Behauptung städtischer Freiheit gegenüber dem Landesherren – gebrochen. Dieser hatte inzwischen ein stehendes Heer geschaffen und allzu wehrhafte Städte waren seiner oft die Lager wechselnden Politik eher hinderlich.
So bekam Gardelegen 1658 den Befehl zum Abbruch der Befestigungsanlagen. Widerstand war nicht möglich. Eine Schrift des damalige Pfarrers der Isenschnibbe, M. Theodorus Rieseberg, aus dem Jahr 1666 drückt die Stimmung in der Bürgerschaft über den Verlust der Wehrhaftigkeit aus.
Aber schon 1675 befahl Kurfürst Friedrich Wilhelm I. – allgemein als der Große Kurfürst bekannt – die Instandsetzung der Tore und Wälle, weil der Einfall der Schweden in der Mark Brandenburg drohte.
Ab 1715 wurde Gardelegen Garnison, und die Tore dienten nun, wie D. Bauke schreibt, auch „als Sperrmittel für Soldaten, welche gern entwischten, oder als Schutzwehr wider Scheichhandel.“
1757, während des Siebenjährigen Krieges, verteidigten tapfere Bürger das Salzwedeler Tor gegen eine französische Patrouille, was nach drei Tagen den Bürgern Vergeltungsmaßnahmen der nun in Übermacht eindringenden Franzosen einbrachte.
Die Niederlage Preußens 1806 und die harten Bedingungen des Tilsiter Friedens 1807 brachten die Bürger Gardelegens mit der hohen Summe der Kriegersteuer – immerhin waren über 28 786 Thaler aufzubringen – und den ständigen Einquartierungen französischer Truppen und ab 1813 auch der Verbündete gegen Napoleon an den Rand der Verarmung.
Von den Geschichtsschreibern der Stadt, besonders von David Bauke wird im frühen 19. Jahrhundert der allmähliche Verfall des Tores beklagt. Die hohen Hopfenfuhren hatten Mühe, die Tordurchfahrt zu passieren, so dass man bereits plante, das Tor abzureißen.
Dem widersprach aber der preußische König Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1841. Der erneute Versuch der Gardelegener, das Tor als „Verkehrshindernis“ zu beseitigen, wurde um 1880 von der Königlichen Regierung abgelehnt.
Zeitweise half man sich durch einen Fahrweg, der um die große Bastion herumführte.
1907 kam es schließlich zur Wiederherstellung durch den Berliner Architekten Prof. Dr. Otto Stiehl. Sein Bericht zur Wiederherstellung des Salzwedeler Tors zu Gardelegen gibt einen Einblick in die sorgfältige Art des Herangehens an diese Aufgabe. Stiehl hat z.B. die Verwendung von Material gefordert, das nach alter Technologie und mit alten Rohstoffen hergestellt wurde. Er hat keine überflüssigen historisierenden Zutaten gestattet, sondern das Erhalten der verbliebenden Bausubstanz in den Vordergrund gestellt. Lediglich den Staffelgiebel über der Torfahrt an der Feldseite hat er nach Vorbildern alter gotischer Stadttore sorgfältig nachgestaltet.
Sein Kostenanschlag betrug 6500 Mark.
In den Jahrzehnten nach der Wiederherstellung wurde der gesamte Verkehr aua der Stadt wieder durch das Tor geleitet. Das bedeutete, dass nach 1945 die Panzer der sowjetischen Truppen ebenso wie die Schwerlasttransporte und hohen Containerfahrzeuge die Torfahrt erschütterten- Die schönen Gewölbe erhielten Risse und Schrammen.
Der Ausbau der Umgehungsstraße um das Tor 1983 war problematisch, da mit der notwendigen Grundwasserabsenkung die Eichenpfähle, auf denen die Torbauten standen, gefährdet wurden. Ein aufwendiges Verfahren der Stabilisierung der Begründung wurde 1992 angewendet.
In den Jahren ab 1978 wurden wiederholt denkmalpflegerische Arbeiten am Salzwedeler Tor geleistet. Sie wurden fachlich betreut vom damaligen Institut für Denkmalpflege, Arbeitsstelle Halle. Die Bekrönungen der Bastionen wurden gefestigt. Die Rundtürme erhielten einen Pinselputz und das Umfeld wurde gestaltet. Ab 1991 wurde noch einmal eine Generalinstandsetzung des Tores mit Bundes- und Landesmitteln begonnen.