Hansestadt Gardelegen

Zeittafel

Was war los in unserer Stadt? – Eine kleine Zeitreise

Natürlich können wir an dieser Stelle keine lückenlose stadtgeschichtliche Darstellung bieten. Unsere kleine Zeitreise will vielmehr anregen, sich näher mit der Gardeleger Geschichte zu beschäftigen, dies und jenes nachzulesen und sich vielleicht sogar selbst auf Spurensuche zu begeben. Die Ursprünge der Stadt dürften in einer Siedlung liegen, die schon Mitte des 11. Jahrhunderts zu Füßen einer Burg existierte – etwa zwischen dem Schloss Isenschnibbe und dem Holzmarkt – aber das liegt ebenso im Dunkel der Geschichte wie ihre angebliche Erwähnung im Jahre 1121.

1196

Ersterwähnung

In diesem Jahr taucht Gardelegen zum ersten Mal in einer Urkunde als „Stadt und Burg“ auf, die Markgraf Otto II. von Brandenburg zusammen mit vielen altmärkischen Ländereien dem Erzstift Magdeburg geschenkt hat. Von diesem Ereignis werden seither die Stadtjubiläen abgeleitet.

1200

Bauboom

Die Stadt wird vom ersten Bauboom erfasst. Allmählich bilden sich drei Siedlungskerne heraus. In kurzer Folge entstehen die St. Nicolaikirche, die St. Marienkirche und das Rathaus, das allerdings bei seiner ersten urkundlichen Erwähnung 1241 noch ein Kauf- und Schauhaus war. Die drei Türme dieser Gebäude bestimmen noch heute die Gardeleger „skyline“.

1314

Malzrecht erworben

Als die Stadtväter sich erfolgreich um das Malzrecht bemühen, ahnen sie noch nicht, dass sie damit einen ganz großen Wurf gemacht haben. Der Anbau eines Hopfens von weit über die Grenzen der Stadt hoch geschätzter Qualität und die Braukunst werden Gardelegen in den nächsten Jahrhunderten zu Wohlstand und Reichtum verhelfen – aber auch ein Nagel zu ihrem Sarg sein.

1316

Schulzenamt zugesprochen

Markgraf Waldemar von Brandenburg spricht Gardelegen das Schulzenamt und damit die Hohe Gerichtsbarkeit zu. Die beinhaltet unter anderem das zweifelhafte Recht, „Frevler vom Leben zum Tode zu befördern“.

1353

Aufnahme im Altmärkischen Städtebund

Gardelegen wird Mitglied im Altmärkischen Städtebund

1358

Hansestadt

Gardelegen wird zum Hansetag nach Lübeck eingeladen, was ihm den Status eines Mitglieds der Städtehanse einbringt. Trotz seiner günstigen Lage an der Kreuzung wichtiger Handelswege bleibt Gardelegen als Hansestadt bedeutungslos.

1488

Biersteuer, Bierziesekrieg

Brandenburgs Kassen sind leer. Kurfürst Johann Cicero ersinnt eine Biersteuer, die bei den Bürgern der Altmark, unter denen die Angehörigen der Brauerzunft das Sagen haben, nicht gut ankommt. Der „Bierziesekrieg“ fordert auch in Gardelegen seine Opfer: Drei Rädelsführer werden enthauptet. Die Stadt darf fortan keinen Bündnissen mehr angehören und zieht sich auch aus der Hanse zurück.

1500

Erste Biermarke der Welt

Mehr durch Zufall entsteht ein Rezept für einen dickflüssigen alkoholischen Kräutertrank, der alle möglichen seelischen und körperlichen Leiden zu lindern vermag und auch die Liebesfähigkeit steigern soll. Man gibt ihm den Namen Garley. Die älteste Biermarke der Welt ist entstanden und findet reißenden Absatz – auch in Holland, Schweden und Russland.

1539

Reformation, Aufbau der Wehranlagen

Lutherschüler Bartholomaeus Rieseberg führt mit einer furiosen Predigt in St. Marien die Reformation in der Altmark ein. Draußen vor der Tür beginnen derweil die Gardeleger Bürger ihre Stadt und mit aufwändigen Wehranlagen zu schützen.

1553

Fertigstellung der Wehranlagen

Mit ihren drei Stadttoren und modernsten verteidigungstechnischen Schikanen verleiht sie der wohlhabenden Stadt auch nach außen hin ein höchst repräsentatives Aussehen. Heute noch zu sehen: die Ruine des Stendaler Tores und das Salzwedeler Tor und einige Mauerreste am Wall. Darüber hinaus leistet sich die Stadt noch eine große Stadtschule und einen pompösen Rathausneubau – ganz abgesehen von vielen prächtigen Bürgerhäusern.

1564

Der steinerne Roland

Vor dem Rathaus wird der erste steinerne Roland aufgestellt. Er ähnelt der heutigen Rolandstatue, steht aber gegenüber der jetzigen Marktstraße

1618
-
1648

Dreißigjähriger Krieg

Dreißigjähriger Krieg. Gardelegens günstige Lage verkehrt sich ins Gegenteil: Ab 1626 gibt es kaum eine marodierende und Krieg führende Truppe, die um die Stadt einen Bogen macht – jede von ihnen plündert, brandschatzt, vergewaltigt, tötet. Das reiche Gardelegen verkommt zu einem kleinen Ackerbürgerstädtchen. Und das ist erst der Anfang des Niedergangs…

1658

Abriss der Wehranlage, Wiederaufbau, Stadtbrand

Wo es nichts zu schützen gibt, braucht es auch keine Wehranlagen. Die Gardeleger reißen sie ab und benutzen die Steine zum Wiederaufbau ihrer geschundenen Stadt. Doch noch im gleichen Jahr kommt es zum ersten verheerenden Stadtbrand.

1667

Stadtbrand

Immer wenn die Bürger wieder etwas Boden gewonnen haben, brennt es erneut. Kaum ein Stadtviertel, das nicht ein Raub der Flammen wird. Ursache ist meist die unsachgemäße Trocknung des Hopfens.

1685

Stadtbrand

Dieser Brand war noch verheerender als der von 1667. Nahezu die gesamte Stadt und ihre bedeutendsten Bauten wurden zu Schutt und Asche. Auch dieser Stadtbrand begann in einer der vielen Hopfendarren.

1700

Verluste im Bierverkauf

Und als ob das immer noch nicht genug wäre: Die „Garley“ ist aus der Mode gekommen und findet auf dem Weltmarkt kaum noch Anklang.

1715

Garnisionsstadt

Gardelegen wird zum ersten Mal Garnisionsstadt und bleibt es mit einigen Unterbrechungen volle 275 Jahre lang (Preußische Infanterie, Reichswehr, Wehrmacht, Grenztruppen der NVA, sowjetische Streitkräfte)

1816

Kreisstadt

Die Stadt kommt aufs Tapet des Wiener Kongresses. Nach der Neugliederung Preußens wird es Mittelpunkt eines großen Landkreises, zu dem lange Zeit sogar Wolfsburg gehört. Den Status einer Kreisstadt verliert Gardelegen erst 1994.

1841

Industrialisierung

Von der Wanderschaft nach Gardelegen zurückgekehrt, beginnt Carl Koch auf eigene Rechnung mit der Herstellung von Perlmuttknöpfen und beginnt ein Jahr später mit der Großproduktion in der Magdeburger Straße, wo noch bis 1971 Knöpfe hergestellt werden. An der Stelle, wo die Industrialisierung Gardelegens ihren Anfang nahm, steht heute das Seniorenheim „Pfarrer Franz“.

1871

Eisenbahnanschluss

Gegen den Willen vieler Einwohner die befürchten, dass es mit der Ruhe und Beschaulichkeit im Städtchen nun zu Ende sei, erhält Gardelegen einen Anschluss an die neue Bahnlinie Berlin-Hannover-Lehrte und damit Zugang zur großen, weiten Welt. 1843 war der Protest gegen die Eisenbahnverbindung Magdeburg-Gardelegen-Salzwedel noch erfolgreich.

1881

Modernisierung der Stadt

Ein „Macher“ wird Bürgermeister: Julius Beck bringt frischen Wind ins Ackerbürgerstädtchen. Was er auf seinen Reisen um die Welt gesehen hat – in Gardelegen wendet er es an. Elektrifizierung, Wasserleitung, Kanalisation. Die gepflasterten Straßen gehen ebenso auf das Konto von Beck wie die Gründung einer Feuerwehr und die Modernisierung des Bestattungswesens. Auch für die Umgestaltung der verwahrlosten Wallanlagen in einen Bürgerpark zeichnet er verantwortlich. Er betreibt die Bebauung der Bahnhofsvorstadt, womit Gardelegen endlich über seine mittelalterlichen Grenzen hinauswächst. Beck bleibt so lange im Amt wie kein anderer Bürgermeister – 42 Jahre. Danach ernennen ihn die Gardeleger zum Ehrenbürgermeister auf Lebenszeit, also bis 1931.

1936

Militarisierung der Stadt, Überschreitung der 10.000 Einwohneranzahl

Außerhalb Gardelegens werden mit dem Fliegerhorst, der Remonteschule der Kavallerie und dem Fallschirmjägerlager wichtige Einrichtungen der deutschen Wehrmacht errichtet. Parallel entstehen Wohnsiedlungen und das neue Krankenhaus. Die Einwohnerzahl Gardelegens übertrifft erstmals die „Zehntausender-Marke“.

1945

Bombenangriff, Massenermordung, kampflose Kapitulation, Besatzung durch die Sowjets

Bei einem Bombenangriff am 14. März kommen 52 Gardeleger ums Leben; die St. Nikolaikirche und mehrere Wohngebäude in ihrer Umgebung werden zerstört. Am 13. April werden in der Isenschnibber Feldscheune mehr als 1000 Häftlinge verschiedener Konzentrationslager bestialisch ermordet. Wenige Stunden später, am 14. April, sorgt Pfarrer Franz für die kampflose Übergabe der Stadt an die Amerikaner. Nachdem die US- kurzzeitig durch britische Besatzungstruppen abgelöst worden sind, wird Gardelegen am 1. Juli Teil der sowjetischen Besatzungszone. Sowjetische Truppen bleiben bis zum 31. Mai 1991 in der Stadt.

1960

Asbestzementwerk

Grundsteinlegung für das Asbestzementwerk, den ersten Großbetrieb der Stadt. Gleichzeitig entsteht das in erster Linie für die Angestellten dieses Betriebes gedachte Wohngebiet Schlüsselkorb.

1973

VEB „Polytherm“

Grundsteinlegung für den VEB „Polytherm“. Auch er ist mit einer Neubausiedlung gekoppelt. Nach mehreren Veränderungen der Produktionspalette ist der inzwischen privatwirtschaftliche Betrieb als „AKT“ heute der größte Arbeitgeber der Stadt.

1990

Sanierung, Umbau und Abriss

Die Wiedervereinigung Deutschlands verändert auch Gardelegen. Sowohl die Volkskammer- als auch die Kommunalwahlen sehen die CDU klar vorn. Die denkmalgeschützte Altstadt wird umfangreich saniert. Die zwischen 1960 und 1980 entstandenen Neubaugebiete werden durch Sanierung, Teilabriss und Rückbau aufgewertet. Als erste Betriebe verschwinden mit dem Asbestzementwerk und dem Landtechnischen Instandsetzungswerk die bis dahin größten Arbeitgeber von der wirtschaftlichen Bildfläche – 13,1 Prozent der Gardeleger sind arbeitslos.

1994

Aberkennung des Kreisstadtstatus

Unter Protest großer Teile der Bevölkerung verliert Gardelegen zum 1. Juli seinen Status als Kreisstadt und wird dem Altmarkkreis Salzwedel zugeschlagen. Ein Teil des Altkreises Gardelegen gehört nun zum Kreis Stendal.

1995

Wandel in Industrie- und Gewerbegebiete

Im Norden und Osten Gardelegens werden Industrie- und Gewerbegebiete erschlossen. Ein Gelenkwellenwerk, Betriebe der Autozulieferindustrie und ein Glaswerk entstehen „auf der grünen Wiese“.

2002

Neuer Roland

Gardelegen wird wieder Rolandstadt. Auf den Tag genau 275 Jahre nach seinem Zusammenbruch wird ein neuer Roland enthüllt – von Handwerkern und Einwohnern der Stadt gestiftet, ist er ein Symbol des Stolzes der Gardeleger auf ihre Stadt. Nebenbei: Ein Spaßvogel wollte dem Roland das Gesicht Otto Reutters geben. Daraus wird nichts, doch der Humorist erhält als berühmtester Sohn der Stadt wenige Monate später sein eigenes, vom Magdeburger Heinrich Apel geschaffenes, Denkmal.

2008

Verleihung des Beinamen „Hansestadt“

Gardelegen erhält als Mitglied des Hansebundes der Neuzeit wieder den Beinamen „Hansestadt“.

2010

Grüne Woche

Gardelegen ist zum ersten Mal mit eigenen Ständen auf der Grünen Woche und der Internationalen Tourismusbörse in Berlin vertreten.

2011

Gebietsreform

Am 1. Januar wird Gardelegen über Nacht mit 640 Quadratkilometern zur flächenmäßig drittgrößten Stadt Deutschlands. Neben der Kernstadt gehören jetzt 48 Ortsteile dazu. 24.000 Menschen leben hier (2013: 23.390). Diese Zahl erhöht sich nochmals um 150.000, als vom 24.-26. Juni der 15. Sachsen-Anhalt-Tag in Gardelegen über die Bühne geht.

Unsere Buchempfehlungen

Herbert Becker: Gardelegen – Tausend Jahre einer Stadt.

ISBN: 9-783-86680-840-9, Ein kurzgefasster Überblick über die Gardeleger Geschichte. Der Autor blättert die Chronik unserer Stadt auf und verweilt an markanten Punkten zu streiflichtartigen, unterhaltsamen Betrachtungen über Ereignisse und Personen, die die Stadtgeschichte prägten.

Helmut Friedrich: Die alte Hansestadt Gardelegen

Dass auch Schwarz-Weiß-Fotografien ein buntes Bild zeichnen können, zeigt Helmut Friedrich mit seiner Bilderreise durch die Stadtgeschichte seit Erfindung der Fotografie.

Günter Marklein: Gardelegen – ein Stadtrundgang

ISBN: 9-783-89995-911-6, Klein, aber fein präsentiert sich ein höchst informativer Stadtführer, der – im Gegensatz zur übrigen Gardelegen-Literatur – in jede Hand- oder Hosentasche passt und damit zum idealen Reisebegleiter wird.